Die Teemetropole

Tourismus ist zu einem guten Teil auch die Suche nach sinnlicher Erfahrung. Einblicke in die Welt von gestern aus beinharter Arbeit, verblichener Noblesse und unüberbrückbaren Klassenunterschieden bietet beispielsweise Hamburg. Die Kulisse stimmt perfekt, wenn es darum geht, die Fantasie kreisen zu lassen. In der Speicherstadt – der einst grösste Lagerhauskomplex der Welt ist inzwischen Unesco-Weltkulturerbe – lagerten einst die hochpreisigen «Kolonialwaren» Tee, Kaffee und Gewürze. Laut einer hanseatischen Wochenzeitung soll gut die Hälfte des für Europa bestimmten Tees, ungefähr 200‘000 t, immer noch in Hamburg umgeschlagen werden. Doch wo riecht es hier nach Tee? Heute dominieren in den Lagerhäusern aus Backstein die Orientteppich-Händler. Dazu immer mehr Restaurants, Museen, Start-Up-Firmen; ein Ausdruck des generellen Wandel Hamburgs zur Tourismusdestination und Dienstleistungscity.

Der in den 1880er-Jahren erbaute erste Bauabschnitt der Speicherstadt war damals eine bahnbrechend moderne Lösung: Büros, Lager und z.T. Produktionsstätten in einem Haus. Die Ladung wurde von den Handelsschiffen über kleine Transportboote in die Lager gebracht. Tee mit Schaufeln auf den Holzböden gemischt! Vergangene Zeiten.

Tee gelangt heute, je nach Qualität und Herkunft, in leichten Sperrholzkisten oder als Jutesäcke auf Standardpaletten gestapelt und im Standardcontainer versandt über die Weltmeere an den Zielort. Hygiene- und arbeitsrechtliche Vorschriften bedingen einen vielfach erhöhten Platzbedarf für Produktions- und Lagerstätten von Lebensmittelbetrieben. Aus diesem Grund befinden sich heute die Hochregallager für das kostbare Gut Tee in der Nähe der hochautomatisierten Containerterminals.

Einige wenige der renommierten Teegrosshändler haben ihren Sitz zwar noch in den alten Gemäuern aus Klinkerbackstein. Dort werden immerhin noch die Teeproben verkostet. Dieser schlürfende Job ist allerdings den Profis vorbehalten. Schade!

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